keskiviikko 5. joulukuuta 2012

Sápmi – Das traditionelle Gebiet der Saamen


Vergangene Woche hatte ich das unglaubliche Glück, als Reiseleiter an der Exkursion des Kurses über saamische Kultur, der jeden Herbst für Austauschstudenten an unserer Uni organisiert wird, teilzunehmen. Das bedeutete also, ich durfte all die interessanten Orte, die für mich als Saamischstudent und an Sprache und Kultur Interessierter ohnehin irgendwann Pflichtprogramm gewesen wären, besuchen, und verdiente dabei auch noch etwas. Als ich mich für diese Stelle bewarb, hätte ich es nicht zu hoffen gewagt, auch tatsächlich genommen zu werden, meine Sprachkenntnisse und meine Erfahrungen mit Austauschschülern als Freiwilliger bei AFS haben aber überzeugt. Das Ziel war also Lappland, oder besser gesagt das Gebiet im Norden Finnlands, Schwedens und Norwegens, in dem auch heute noch Saamen leben, saamische Sprachen gesprochen werden und einen offizielle Status haben und die Saamen besondere Minderheitsrechte besitzen. Das saamische Wort dafür ist Sápmi, im Gegensatz zu „Lappi“, welches das finnische Bundesland bezeichnet (Rovaniemi, die Stadt, die auch als Stadt des Weihnachtsmannes bekannt ist, liegt zum Beispiel in „Lappi“, nicht aber in „Sápmi“). Daher werde ich der Genauigkeit wegen „Sápmi“ verwenden.

Am Montag ging es also um 9 Uhr vom Parkplatz der Uni los. So ganz stimmte das nicht, weil gleich mal eine Studentin fehlte. Nachdem wir eine Viertelstunde gewartet hatten und vergeblich versucht hatten, sie zu erreichen, beschlossen wir, bei ihr zuhause vorbeizuschauen, da ein anderer Student, der im gleichen Haus wohnte, noch seinen Pass holen musste. Ja das ist ein Service an der Uni! Dann endlich alle beisammen, machten wir uns auf den Weg nach Kautokeino (saam. Guovdageaidnu), Norwegen.

Kautokeino ist wahrscheinlich die größte Ortschaft in Sápmi, in der Saamisch immer noch die erste Alltagssprache ist. Am Abend bezogen wir nur mehr unsere Zimmer (wir waren dort aufgeteilt auf kleine Häuschen für jeweils zwei bis drei Personen, die beiden größten hatten Küche und Sauna, war also kein Luxus), ein Saunagang ging sich aber vor dem Schlafengehen noch aus. Am nächsten Tag hatten wir schon volles Programm: Am Vormittag besuchten wir Juhls’ Silvergallery, eine wirklich einzigartige Silberschmiede und doch viel mehr als nur das. Das Ehepaar Juhls war in den 50er oder 60er Jahren aus dem Süden nach Kautokeino gezogen um dort die Silberschmiede zu eröffnen, heute wird dort aber noch viel viel mehr als nur Schmuck verkauft. Das Ganze ist gestaltet wie eine Austellung, mit verschiedenen Räumen zu verschiedenen Themen, man kann aber alles, was ausgestellt ist, kaufen. Zudem kann man Sonderanfertigungen an Silberschmuck bestellen und alte Schmuckstücke reparieren lassen.

Der nächste Programmpunkt war die saamische Hochschule. Dort werden Bachelor- und Masterprogramme in saamischer Linguistik, Saamisch auf Lehramt, Rentierzucht und traditionelle Handarbeit angeboten. Die Führung war ziemlich enttäuschend, weil der eigentlich Zuständige krank war, und jemand anderer einspringen musste, ich war aber begeistert von der offenen Feuerstelle in der Kantine; so etwas sollten wir in Oulu auch ansuchen! Mit einigen Studenten trafen wir uns am Abend zum Pizzaessen.

Davor fuhren wir noch zum saamischen Nationaltheater Beaivváš, dessen Truppe allerdings gerade auf Tour war. Die Begeisterung unserer charismatischen Führerin, die uns das Theater und seine Geschichte vorstellte und uns auch das alte Kostümarsenal zeigte, machte das aber trotzdem zu einem der Höhepunkte für mich. Am Ende der Tour bekam ich auch die Gelegenheit, ein paar Worte mit ihr auf Saamisch zu wechseln.

Mittwoch war Reisetag. Unser nächstes Ziel war Karigasniemi (saam. Gáregasnjárga), auf dem Weg blieben wir aber noch in Karasjok (saam. Kárášjohka) stehen, um uns das norwegische Saamiparlament (saam. Sámediggi) und die saamische Radiostation anzuschauen. Dort werden unter anderem die saamischen Nachrichten, die auch in Finnland zu sehen sind, gemacht. Darüber hinaus produziert man dort noch viele weitere Fernseh- und Radioprogramme, Nachrichten auf Südsaamisch, Kinder- und Jugendprogramme und Dokumentationen, die aber nur in Norwegen und manchmal auch in Schweden ausgestrahlt werden. Schade, dass sich der finnische Sender YLE da nicht um mehr Zusammenarbeit kümmert!

Unser Quartier in Karigasniemi war schon ein wenig besser, manche Austauschstudenten wohnten wieder in kleinen Häuschen, manche in Appartements, ich hatte ein Zweibettzimmer mit Fernseher für mich allein. Hat schon Vorteile, Reiseleiter zu sein! Der Lehrer des Kurses, der der andere Reiseleiter war, schlief zuhause bei seinen Eltern, da Karigasniemi sein Heimatdorf ist. Küche hatten wir zum Glück auch wieder zur Verfügung, und diesmal war sogar Frühstück inkludiert.

In Karigasniemi sahen wir uns am Donnerstag ein Rentier Round-up an, wo in der Saison die neugeborenen Rentiere (ja, diese Tiere gibt’s wirklich!) gekennzeichnet werden und welche zum Schlachten ausgewählt werden. Danach machten wir einen kleinen Spaziergang im fast knietiefen Schnee zu der heiligen Quelle Suttesája. Diese Quelle friert nie zu und war wahrscheinlich deshalb eine frühere heilige Stätte der Saamen. Heute noch (beziehungsweise wieder) lassen Leute ihre Kinder in dieser Quelle taufen.

Am Abend kamen wir dann am letzten Zielort unserer Reise, Inari (saam. Anár), an. Dort wohnten wir letztendlich in einem richtigen Hotel, mit allen Bequemlichkeiten (ausgiebiges Frühstück, schöne Zimmer) und Nachteilen (keine Kochmöglichkeit sondern teures Restaurant, kostenpflichtige Sauna). Noch am selben Abend besuchten wir eine Rentierfarm, die typisch für Touristen hergerichtet war. Zuerst durften wir Rentiere, die als Schlittentiere verwendet werden, aus der Hand füttern, danach bekamen wir Tee und Kaffee in traditionellen Tassen aus Holz und uns wurden Joiks gesungen. Joik ist die traditionelle Art des Prosagesangs der Saamen. Zum Schluss übten wir, ein Holzrentier mit Lasso zu fangen. Das Genialste hierbei war wahrscheinlich der Typ, der uns das erklärte: Ein schon etwas älterer Inarisaame, der einfach immer den Nächsten herwinkte, ihm das Lasso in die Hand drückte und die Bewegung vorzeigte, mit der man das Lasso werfen musste, während er alles in irrsinnig schnellem Inarisaamisch erklärte. Ich verstand zwei Wörter, die im Nordsaamischen (welches ich lerne) ähnlich sind, und das war schon viel. Dazu sei angemerkt, die 10 verschiedenen saamischen Sprachen (Nord-, Lule-, Inari-, Skolt-, Süd-, Pite-, Ume-, Ter-, Kildin- und Akkalasaamisch) sind untereinander nur schwierig bis gar nicht verständlich, verdienen also tatsächlich den Status als „Sprachen“ und nicht nur „Dialekte“.

Am Freitag, bevor wir uns auf den Heimweg machten, gingen wir noch ins Siida-Museum in Inari, ein Museum über die Saamen, über saamische Geschichte und Kultur, und ins Sajos-Kulturzentrum, wo das finnische Saamiparlament tagt und auch das saamische Ausbildungszentrum von Inari untergebracht ist. Dort gibt es auch einen Duodji-Shop (saamische Handarbeit), in dem ich mir, worauf ich schon die ganze Woche gewartet hatte, den kleinen Prinz (den von Antoine de Saint-Exupéry) auf Nordsaamisch kaufte: Bás Prinssáš. 

tiistai 20. marraskuuta 2012

Dušši dušše duššat – Unnötig einfach umzukommen


Nach diesem vollen Wochenende will ich jetzt unbedingt etwas von dem ganz besonderen Konzert vergangenen Freitag erzählen. Dieses Konzert hat mir wieder mal in den Sinn gerufen, warum es so toll ist, in Oulu zu wohnen: Auch wenn die Künstler auch schon südlicher aufgetreten sind, hätte ich nie ihre Auftritte in der Form genießen können, wie hier in Oulu.

Das Konzert wurde von Oulu Sámit ry (der Verein für in Oulu wohnende Saamen) als zehnjähriges Jubiläum (mit einem Jahr Verspätung) organisiert. Aufgetreten sind Niillas Holmberg & Roope Mäenpää, SomBy und Áilu Valle. Falls es immer noch unklar ist: Alle von ihnen sind Saamen (ausgenommen vielleicht Roope Mäenpää, seines Namens und des Fehlens der traditionellen Kleidung nach zu schließen) und singen hauptsächlich auf Nordsaamisch. Erfahren habe ich von dem Konzert von einem tschechischen Erasmus-Studenten, der extra nach Oulu gekommen ist, um Saamisch zu lernen; und natürlich kam von meiner Saamischlehrerin noch ein wenig Insiderinformation.

Als wir zwanzig Minuten vor Beginn des Konzertes bei Valve, dem Veranstaltungsort, ankamen, hatte sich dort schon eine kleine Gruppe Saamen (an ihrer bunten Kleidung zu erkennen), unter ihnen auch meine jetzige und ehemalige Saamischlehrerin, angesammelt. Es waren auch recht viele Austauschstudenten dort, offenbar alle vom Kurs „Saami Culture“.

Als es dann losging, hielten sich die Leute noch im hinteren Bereich des Konzertsaales auf, wo ein paar Sitzreihen aufgestellt waren (wir konnten sogar noch Sitzplätze ergattern). Das war auch in Ordnung für den ersten Auftritt, der eher an traditioneller saamischer Musik angelehnt war. Niillas Holmberg & Roope Mäenpää machten also den Anfang. Das waren auch zugleich die zwei, die mich am wenigsten interessiert hatten; umso positiver war der Eindruck, den die beiden hinterließen.

Darauf folgte auch schon für mich der Höhepunkt: die Rockband SomBy. Ich hatte mir schon am Tag davor ein paar Lieder auf Youtube angehört und sie sofort in meine Lieblingsbands ganz oben eingereiht. Jetzt stieg auch die Stimmung, Leute standen auf und vor der Bühne wurde es immer ausgelassener (und da soll noch jemand sagen, Finnen könnten ohne Alkohol nicht feiern). Der Gitarrist kam mir schon in den Youtube-Videos irgendwie bekannt vor, zu dem Zeitpunkt maß ich dem aber keinerlei Bedeutung zu.

Als Letzter betrat der eigentliche Star des Abends die Bühne: der Rapper Áilu Valle, über den wir im Saamischkurs auch schon einen Artikel gelesen hatten (damit war er auch der Einzige, dessen Name mir überhaupt etwas sagte). Ein paar Lieder haben auch mir schon ganz gut gefallen, insgesamt muss ich aber sagen, dass Rapmusik nicht wirklich meins ist.


Alles in allem war das eines der tollsten Konzerte, auf denen ich war, auch wenn nur sehr klein. Gerade diese intime Atmosphäre hat dann auch wieder etwas – und hier muss ich hinzufügen, Saamen kennen sich alle irgendwie untereinander, und wenn man sich mal für diese Sprache und Kultur interessiert, trifft man dann auf solchen Events schon einige bekannte Gesichter. Eine sehr ermutigende Erfahrung war jene, dass ich die kurzen Reden, die zwischendurch gehalten wurden, im Großen und Ganzen auf beiden Sprachen – Finnisch und Saamisch – verstanden habe! Um drei Uhr in der Früh, in Gedanken immer noch beim Konzert, kam mir schließlich die erschreckende Erleuchtung: Ich bin mittlerweile ziemlich sicher, dass der Gitarrist von SomBy in einem Kurs im Herbst hinter mir gesessen ist, und mir gestern in der Uni entgegengekommen ist!

maanantai 29. lokakuuta 2012

Schon wieder Wahlen!


Vielleicht hat man ja davon schon gehört, außerhalb Finnlands: Wir hatten Gemeinderatswahlen vergangenes Wochenende. Hier gibt es die Möglichkeit, im Voraus zu wählen, ich habe aber beschlossen, mir meine Stimme bis zum eigentlichen Wahltag, also Sonntag, aufzuheben. Ja, ich durfte auch wählen, finnische Staatsbürgerschaft ist keine Voraussetzung bei den Gemeinderatswahlen (wohl aber bei Präsidentschafts- und Parlamentswahlen). Diesmal hatte ich kein großes Problem damit, meinen Kandidaten zu finden. Soweit ich mich erinnere, wählt man in Österreich, genauso wie bei den Parlamentswahlen, eine Partei. In Finnland jedoch wählt man direkt den Kandidaten, der einen Platz im Gemeinderat bekommen soll. Nun war eine gute Freundin, die auch Freiwillige bei AFS ist, als Kandidatin aufgestellt, recht klar für mich also, wem ich meine Stimme geben würde.

Am Sonntag um 19.00 Uhr begann die Auszählung der Stimmen auf YLE, dem staatlichen Fernsehsender Finnlands. Ich saß den ganzen Abend aber an meiner Saamischaufgabe, also habe ich den Anfang verpasst. Eingefallen ist es mir, nachdem ich vom Fitnesscenter zurückgekommen war, und um zirka zehn Uhr habe ich dann aufgedreht. Im Internet, wo die Zahlen der Auszählung laufend aktualisiert wurden, konnte ich aber sehen, dass ich ohnehin nicht viel verpasst hatte (um zehn waren erst die Hälfte der Stimmen in Oulu gezählt worden).

Das Endergebnis war nicht sonderlich überraschend, die Perussuomalaiset (ich glaub man nennt sie „Wahre Finnen“ auf Deutsch, was aber in meinen Ohren lächerlich klingt; jedenfalls haben sie die gleiche Stellung wie die FPÖ in Österreich) haben erwartungsgemäß viele Stimmen gewonnen, dafür hatten die großen Parteien, von denen es in Finnland mehr gibt, als in Österreich, deutliche Verluste zu verzeichnen: Es wurde von einem „Bruch des großen Dreicks“, gemeint sind die Sammlungspartei, die Zentrumspartei und die Sozialdemokraten, gesprochen, was ich prinzipiell gut finde (ich halte nichts von Monopolen in der Politik, da kann dann leicht so etwas passieren wie in Österreich vor vier Jahren: Die zwei großen Parteien bilden eine Regierung, bringen aber nichts zustande, es folgen Neuwahlen und wer bildet wieder die Regierung? die beiden selben Parteien natürlich, weil sie die einzigen großen im Land sind…), der Zugewinn an Perussuomalaiset ist dann eine andere Sache. Die Freundin von mir wurde nicht in den Gemeinderat gewählt, dafür hat es aber ein anderer, den ich auch kenne, und den ich genauso gerne im Gemeinderat gesehen hätte, geschafft.

Das einzige wirklich Besorgniserregende ist die sehr niedrige Wahlbeteiligung. Nur knapp über die Hälfte der Wahlberechtigten (57,2% im ganzen Land, 53,7% in Oulu) haben von ihrem Recht Gebrauch gemacht. Ich finde das schade: Auch wenn ich der Demokratie, so wie wir sie kennen, skeptisch gegenüberstehe, sollte man schon alleine deswegen wählen gehen, weil es überhaupt möglich ist. In meinen Augen verliert derjenige, der dieses Recht nicht nützt, das Recht, sich später zu beschweren, wenn ihm politische Entscheidungen nicht passen. Natürlich wurde gestern auch über die Gründe hierzu spekuliert. Zum Beispiel wurde die anstehende Gemeindereform, die sich ziemlich sicher in der einen oder anderen Weise durchsetzen wird, genannt, wodurch kleinere Gemeinden mit größeren vereint werden, was dazu führt, dass sich die Zusammenstellung der jetzt gewählten Gemeinderäte noch mal ändern wird. Oder die Bevölkerung sei einfach schon der Wahlen überdrüssig, da das ja quasi die dritte Wahl in diesem Jahr war (Präsidentschaftswahlen im Frühjahr, von denen es anschließend noch eine Stichwahl zwischen Sauli Niinistö und Pekka Haavisto gab).

Ich habe von diesen Wahlen vergleichsweise viel mitbekommen, weil ich insgesamt drei Kandidaten persönlich kenne (der dritte ist aus dem Süden Finnlands, Järvenpää) und sie natürlich auch viel auf Facebook gepostet haben (besagte Freundin dürfte in den letzten Wochen ihre gesamte Freizeit damit verbracht haben, mit ihrer Partei auf Rotuaari zu stehen und Umarmungen zu verteilen). Also dachte ich, ich teile meine Eindrücke hier!

tiistai 8. toukokuuta 2012

Prokrastination? Prokrastination!

Prokrastination – ein sehr wichtiges Wort für wahrscheinlich jeden Studenten. Für mich jedenfalls. Dieses Wort kommt ursprünglich aus der englischen Sprache, als procrastination [pɹɔʊkɹæstɪˈneɪʃən]. In Englisch bin ich auch zum ersten Mal darauf gestoßen, nämlich in diesem Video:



Seither habe ich bemerkt, wie sich dieses Wort langsam ausbreitet und in andere Sprachen entlehnt. Im Herbst haben wir in einem Französischkurs einen Artikel über procrastination [pʀɔkʀastinaˈsjõ] gelesen, dort wird dieses Wort also schon in der Schriftsprache verwendet. Auch hier in Finnland gibt es dieses Wort, als prokrastinaatio. Zumindest ein paar meiner Freunde verwenden es ständig, zugegeben musste ich das Wort aber auch schon oft genug erklären. Jedoch scheint es seinen Weg in die finnische Schriftsprache gefunden zu haben: In meinem Kurs über schriftliche Kommunikation im Frühling stand bei den Hindernissen, irgendeine Arbeit zu beginnen, auch prokrastinaatio aufgelistet. Deutsch ist also die einzige Sprache, die ich fließend spreche, in der ich Prokrastination noch nie in offiziellem Kontext angetroffen habe. Überhaupt habe ich erst vergangene Woche zum ersten Mal jemanden dieses Wort in der deutschen Sprache verwenden sehen, normalerweise muss ich allen erklären, was das bedeutet. Auch die Word Rechtschreibprüfung unterwellt es mir die ganze Zeit rot. Da es aber für mich so wichtig ist, will ich ihm helfen, sich auch in meiner Muttersprache durchzusetzen.

 Was bedeutet Prokrastination nun eigentlich? Und warum fühle ich mich so persönlich verbunden mit damit? Prokrastination ist die Fähigkeit, tausend Dinge zu finden, die man tun könnte, um seine eigentlich Arbeit noch ein wenig aufschieben zu können. Ist wahrscheinlich jedem bekannt; tja es gibt sogar ein Wort für dieses Phänomen. Als jemand, der Hausaufgaben prinzipiell um elf am Vorabend beginnt, habe ich großen Bedarf an diesem Wort. Einfacher kann man nicht ausdrücken, dass man theoretisch schon etwas zu tun hätte, aber jegliche Ablenkung als willkommene Ausrede sieht, diese Arbeit eben noch nicht beginnen zu müssen.

 Das ist offenbar gar nicht mal eine schlechte Angewohnheit. In dem vorher erwähnten französischen Artikel ging es genau darum, dass Prokrastinierer oftmals sogar bessere Arbeit leisten (und wichtig: in deutlich kürzerer Zeit!), als solche, die schon die ganze Woche daran arbeiten. Zumindest scheint die Zeitersparnis heutzutage sehr essenziell zu sein, und wenn man die ganze Woche lang prokrastiniert (ja, man kann daraus auch ein Verb bilden!), dann bleiben eben nur noch ein paar Stunden am Vortag, um eine gute Arbeit zusammenzustellen. Durch Prokrastination lernt man also, innerhalb einiger Stunden seine Arbeit mit gleichwertiger Qualität zu erledigen, wie manche innerhalb mehrerer Tage.


Ich hoffe also, dass ich in Zukunft weniger Fragezeichen sehe, wenn ich von Prokrastination rede ;D

tiistai 28. helmikuuta 2012

Ein ganz besonderer Tag, ein ganz besonderer Mensch...

Heute ist ein ganz besonderer Tag. Heute vor 18 Jahren wurde der wichtigste Mensch meines Lebens geboren; um das herauszufinden mussten aber erst einmal ungefähr 13 Jahre vergehen. Am 28. Februar 1994 kam meine Schwester zur Welt.

Ich muss sagen, die meiste Zeit unserer Kindheit waren wir wie zwei normale Geschwister, wir haben regelmäßig gestritten, gerauft, meine Schwester hatte immer messerscharfe Klauen (Narben kann man heute noch sehen), zum Schluss hat sie meistens geheult und ich war dann wieder Schuld (da konnte ich noch so oft meinen Eltern erklären, dass sie ja angefangen habe — dürfte wohl jedem bekannt sein). Ich kann mich noch erinnern, meiner Mama auf die Aufforderung, wir sollen uns doch vertragen, erwidert zu haben, dass ich ja nichts dafür könne, ich hätte mir meine Schwester schließlich nicht ausgesucht.
Dann, ich kann mich nicht mehr genau erinnern wann und wie, wahrscheinlich nach 13 Jahren Zusammenleben (ach ja, die Zahl 13), haben wir beide festgestellt, dass das Leben viel angenehmer wäre, wenn wir uns gemeinsam gegen unsere Eltern verbünden würden. Daraus entstand eine einzigartige Verbindung. Die erste Erinnerung, die ich daran habe, war in Paris, wo wir Arm in Arm (ich hab sie halb getragen, weil ihr die Füße weh getan haben) durch die Stadt spaziert sind — mit Sicherheitsabstand hinter unseren Eltern, die zu der Zeit unerträglich waren (Pubertät — die Zeit in der die Eltern schwierig werden). Seitdem haben wir einen Riesenspaß und halten immer zusammen. Alle Partys, die wir so organisiert haben, waren immer Gemeinschaftsprojekte (also zum Beispiel ich habe ihre Freunde zu meinem Geburtstag eingeladen und umgekehrt); wenn wir zwei in der Stadt unterwegs sind halten uns wahrscheinlich die Wenigsten für Geschwister (als wir einmal beide im Ferienhort waren, mussten wir jedem erklären, dass wir nicht zusammen sind), und unsere telepathische Verbindung wurde in den letzten Jahren mir selbst schon unheimlich (in Anspielung auf eine ziemliche geniale Begebenheit: Ich sitze in meinem Zimmer bekomme plötzlich Hunger auf Pizza, keine fünf Minuten später steht meine Schwester mit einer halben Pizza in der Tür). Diese Verbindung hatte ich am meisten Angst zu verlieren, jetzt wo ich in Finnland wohne, aber offensichtlich hält sie weiterhin; als ich zu Weihnachten in Österreich war, sagte meine Schwester zu ihrer Freundin, die mit der Schule gerade im Kino waren: „Jetzt ist mein Bruder in Österreich.“, kurz nachdem ich tatsächlich in Wien-Schwechat gelandet war.

Meine liebe Olivia (ein Name, für dessen Originalität und Wohlklang ich dich immer noch beneide) ich wünsche dir alles Liebe zu deinem 18. Geburtstag. Unvorstellbar, dass du schon volljährig bist; verzeih aber für mich wirst du immer das kleine mädchen — meine kleine Schwester eben — bleiben. Ich bin so froh, dass ich dich hab, ohne dich wäre mein Leben nicht das, was es ist. Es ist bestimmt nicht immer leicht, meine Schwester zu sein, aber du bist die beste Schwester, die man sich wünschen kann. Ich liebe dich über alles, und ich hoffe du weißt, dass ich immer alles für dich tun werde, auch wenn ich weit weg wohne. In Gedanken bin ich immer bei dir, es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an dich denke. Viel zu oft habe ich mich als kleiner Gschropp an dir vorbei in den Mittelpunkt gedrängt, aber jetzt bist du für mich der Mittelpunkt. Ich glaube ganz fest an dich und daran, dass du deinen Weg finden und gehen wirst. Ich vermisse dich mehr als alles andere in Österreich, nur dich hätte ich mir in meinem Austauschjahr als Besuch gewünscht, nur für dich komme ich bis nach Wien zum Musical Anschauen. Danke, dass du mich immer unterstützt hast; auch du kannst immer auf meine Unterstützung zählen. Für dich habe ich immer ein offenes Ohr frei. Niemals werde ich ein anderes Mädchen mehr lieben als dich ;D

Dein Bruder

tiistai 21. helmikuuta 2012

Was hat ein Rabe mit einem Schreibtisch gemeinsam?

Vergangenen Montag habe ich endlich wieder meinen Zweitlieblingsfilm angeschaut, Alice in Wonderland, die Disney-Version von 2010. Einer der Filme von denen ich niemals genug kriegen kann. Das einzige, was ich schade finde, ist, dass man die 3D-Qualität nicht mehr genießen darf, sobald der Film nicht mehr im Kino läuft. Bei der Besetzung konnte ja nichts anderes rauskommen als ein weiterer Geniestreich, doch ist mir dieser Film irgendwie besonders ans Herz gewachsen. Schon wie ich in zum ersten Mal gesehen habe ist er mir sehr nahe gegangen; daraufhin musste ich sofort das Buch lesen (das ich bisher noch gar nicht gelesen hatte; alle die jetzt die Hände über den Kopf zusammenschlagen wollen — so hat eine Freundin von mir tatsächlich reagiert, man sollte aber vielleicht erwähnen, dass sie englischsprachig aufgewachsen ist — kann ich beruhigen: mittlerweile habe ich nicht nur dieses Buch, sondern auch die Fortsetzung gelesen, bei mir zuhause stehen und das Gedicht, auf dem der Film beruht, auswendig gelernt), was sich als nicht so leicht herausstellte, da sämtliche Exemplare der Bibliotheken der Stadt Wien verborgt waren. Glücklicherweise fand ich es bei Thalia um 3€!
Daraus folgte dann irgendwie, dass der Hutmacher zu meinem neuen Vorbild wurde, ich bin mir nicht sicher, ob das beunruhigend sein sollte… Jedenfalls zähle ich heute zu meinen wertvollsten Schätzen ein überlebensgroßes Porträt, das gegenüber von meinem Bett hängt und mir jeden Tag einen guten Morgen wünscht; das gibt dem Tag gleich eine gesunde Portion Verrücktheit, die mir manchmal sogar schon beim Weckerläuten um 7 oder noch zeitiger eine gute Laune gibt (heute war das nicht der Fall), die dann das einzige ist, was mich davon abhält, meinen Wecker in einen langsamen, grausamen Tod zu quälen; und eine echte Nachbildung des Hutes (hierbei unendlichen Dank an die beste Schwester der Welt, ohne der ich ihn nie gefunden hätte!!!). Jetzt bleibt noch die Frage, was nun ein Rabe mit einem Schreibtisch gemeinsam hat. Manche werden sich an dieser Stelle denken, das liege doch auf der Hand, andere wiederum haben sich schon jahrelang darüber Gedanken gemacht, ohne auf einen grünen Zweig zu stoßen. Ersteren möchte ich zu einer gesunden Denkweise gratulieren, Zweiteren würde ich vorschlagen, sich ein Hobby zu suchen. Ich denke, auf dieses Rätsel braucht man nicht weiter einzugehen; jedenfalls eignet es sich bestens überall dort, wo man gerade nichts Sinnvolleres anzubieten hat (wie zum Beispiel Blogüberschriften). Es ist jedenfalls um einiges sinnvoller, als was manchen Leuten so einfällt, wenn ihnen gerade nichts einfällt. Und das ist das Geheimnis: jeder kann sich (sofern ein wenig Fantasie vorhanden — und wenn einem die fehlt, ist man in meiner Welt ohnehin falsch) seinen eigenen Sinn daraus ziehen, so gibt es jedem einen Sinn und alle sind glücklich. So, und wer den letzten Absatz jetzt verstanden hat, darf beginnen, sich Gedanken über Dinge zu machen, die mit M beginnen…
Zum Abschluss möchte ich der Herzkönigin einen Kurs zu alternativer Problembewältigung vorschlagen; ich werde mich noch ein wenig chinesischem Gemüse widmen (eben vorher bin ich draufgekommen, dass man in China die Golden Delicious „Bananenäpfel“ zu nennen scheint — 香蕉苹果).

keskiviikko 8. helmikuuta 2012

Finnische Präsidentenwahlen und Muumis

Finnland hat also einen neuen Präsidenten. Die Wahlen waren sehr spannend zu verfolgen, auch wenn ich nicht wählen durfte, und das einzige, was mir übrigblieb, Daumendrücken war. Aber beginnen wir am Anfang.

Vergangenes Wochenende waren die Stichwahlen zwischen Sauli Niinistö und Pekka Haavisto; rechtzeitig dazu kam die Einladung von der Niederlassung der Gesetzlosen, wo ich schon den ersten Durchgang mit Freunden verfolgen durfte. Dieser erste Durchgang war auch der spannendere; obwohl wir und Haavisto als Präsident gewünscht hätten, war niemand überrascht, dass ab jetzt Niinistö unser Land vertreten wird. Zwei Wochen zuvor war die Stimmung aber noch sehr euphorisch, als sich Haavisto, für den sich von den Vorwahlen nur Platz drei ausgegangen war, während der Stimmauszählung langsam an Väyrynen vorbei an den zweiten Platz schob. (Ich wundere mich gerade, warum die Word Rechtschreib- und Grammatikprüfung Väyrynen kennt, die anderen zwei aber nicht…) Viele Finnen hätten sich nie erwartet, dass ein Kandidat (auch ein lustiges Wort zu dem mir ein Fun Fact einfallen würde) der grünen Partei, noch dazu ein offen schwuler (was zwar überhaupt nichts zur Sache tut, und sich auch doof anhört, ständig als Attribut mitanzuführen, aber ihr habt ja keine Ahnung — leider aber bestimmt eine Vorstellung — davon, was man so alles auf verschiedenen Seiten lesen durfte in den vergangenen Wochen), überhaupt in die zweite Runde gewählt wird. Von daher war das Ergebnis also schon sehr zufriedenstellend. Nebenbei bemerkt, eine Freundin hat am ersten Wahlwochenende gleich nach der Auszählung eine Wahlkarte von Oulu gefunden, auf der sehr schön zu sehen war, welche Bezirke wen gewählt haben — meist Niinistö, nur Linnanmaa und Kaijonharju (für alle nicht Ortskundigen: hier befindet sich die Uni und hier leben hauptsächlich Studenten) wurde Haavisto gewählt. Da sieht man Bildung!

Eines der tollsten Dinge war für die Wahlkampagne Haavistos, etwas Vergleichbares habe ich noch nie erlebt. Noch nie waren Freunde von mir stolz, ein Foto mit einem Politiker als Facebook-Profilbild zu tragen, haben mit Weihnachtslichter große Zweier ins Fenster gehängt oder zumindest Badgets an ihre Profilbilder gemacht; bei den letzten österreichischen Präsidentenwahlen gab es sehr viele Anti-Rosenkranz-Bewegungen (oder wie man die auch immer schreibt), aber weniger positive Unterstützung. Pekka Haavisto scheint ein sehr menschennaher Politiker zu sein, und so wurde auch seine Kampagne, die nicht von großen Firmen, sondern von „ganz normalen Leuten“, die seine Ansichten teilen, sponsoriert war, von allen möglichen verschiedenen Menschen einfach aus Begeisterung und persönlichem Engagement getragen. Es gibt zum Beispiel eine Seite auf Facebook, die sich „Pekka Haavisto Facts“ nennt, und Sachen à la „Unter der Präsidentschaft von Pekka Haavisto beantragt Finnland nicht die NATO-Mitgliedschaft, sondern die NATO die Finnland-Mitgliedschaft“ oder „Pekka Haavisto hat den gefällt mir -Knopf erfunden“ oder „Wenn Kaija Koos Lied ‚Kuka keksi rakkauden’ = ‚Wer hat die Liebe erfunden’ im Radio spielt, schmunzelt Pekka Haavisto nur wissend“ veröffentlicht.
Womit wir beim nächsten unglaublichen Phänomen wären: Haavisto scheint irgendwie für alle da zu sein, und allen gegenüber wohlwollend eingestellt zu sein. Er steht FÜR etwas, nicht GEGEN etwas. Das ist selten geworden in der politischen Landschaft Europas. Das führte sogar so weit, dass nach den ersten Wahlen, wo natürlich alle gespannt waren, wen die anderen Kandidaten jetzt unterstützen würden, ein paar der Wahren Finnen (die im Großen und Ganzen der FPÖ entsprächen) gesagt haben, sie würden Haavisto wählen. Obwohl die normalerweise auf der entgegengesetzten Seite eines grünen Kandidaten stehen (auch wenn es bei den Präsidentenwahlen ja eigentlich nicht um Parteien geht), und sowieso alles was mit Homosexualität zu tun hat HYI! Warum also? Die rechtspopulistische Partei sind halt nicht wirklich „Mainstream“, Pekka Haavisto hat jedoch für jeden und für jede Minderheit ein Ohr offen.

Das sind so meine Eindrücke der finnischen Präsidentenwahlen und ich bin froh, das ganze hautnah miterleben dürfen zu haben. Ich hätte auch nie geglaubt, dass ich mal eine Seite Positives über ein politisches Thema schreiben würde. Aber was hat es jetzt mit den Muumis auf sich? Zurück zu vergangenen Sonntag.

Als ich also in der Niederlassung der Gesetzlosen eintraf, wurde mir schon laut die frohe Botschaft verkündet: Die Blonden von Kaijonharju und Teija haben Apfelkuchen gebacken! Der hat übrigens echt lecker geschmeckt (was gewisse Anwesende echt überrascht hat, ich bin da eher recht anspruchslos, solange mehr Ungesundes als Gesundes drin ist). Vor der Auszählung der Vorwahlen hatten wir noch ein bisschen Zeit, und was macht man in Finnland in solchen Gelegenheiten? Richtig, man spielt Muumi-Trinkspiele! Die Muumis sind überhaupt herzig, ich versteh nicht warum die in Österreich nie im Fernsehen waren… Das war also das erste Mal, dass ich Muumi-Folgen gesehen habe, und ich empfehle sie jedem, der Finnisch lernen möchte! Ich habe Respekt vor der Konzentrationsfähigkeit der Sprecher; ich habe nie so ein reines Standardfinnisch geredet, man hört es höchstens in den Nachrichten oder in feierlichen Reden, und auch da bei Weitem nicht so klar und langsam und deutlich wie in den Muumis — aber ohne dass es unnötig langweilig wird!
Ja, dann haben wir das vorläufige Ergebnis begutachtet, das sich nicht mehr viel verändert hat, und haben uns über den Apfelkuchen und die Torte, für die ich keinen deutschsprachigen Namen weiß, gestürzt, und die live-Auszählung verfolgt. Unser Ziel waren dann noch 1 000 000 Stimmen (worin wir nicht enttäuscht wurden, Niinistö hat zwar mit fast zwei Dritteln, aber mit weniger als einer Million Stimmen Vorsprung gewonnen!). Von Aufgeben ist aber nichts zu merken, die Zweier bleiben in den Fenstern hängen und es gibt bereits Fangruppen für die Wahlen 2018. Vorerst wird Sauli Niinistö Finnland aber sicherlich ein guter Vertreter sein — er war bei Weitem nicht der schlechteste Kandidat.
Danach gab es noch Eis mit selbstgemachter (!) Karamellsoße (mir fällt gerade auf, dass es bei Partys in Finnland immer Unmengen zu essen gibt — von daher bin ich also genau richtig hier), und zurück zu den Muumi-Trinkspielen (diesmal mit Alkohol). Und ich wundere mich, warum ich noch Karamellsoße selbst gemacht habe, das geht einfacher als Schokofondue…

Am nächsten Tag bin ich dann zwar nur leicht verkatert, aber sehr müde aufgewacht und habe gleich noch zwei Stunden länger geschlafen (Uni!!!), dafür war ich dann den Rest des Tages topmotiviert.