Am
Sonntag muss die Entscheidung also für jeden gefallen sein: Soll Österreich die
Wehrpflicht behalten, oder soll stattdessen ein freiwilliges soziales Jahr
eingeführt werden? Das Thema wurde sicher schon zur Genüge durchgekaut, ich
möchte aber auch noch meine Gedanken dazu loswerden.
Die
Wehrpflicht, wie sie zurzeit funktioniert, hat mich selbst, als ich 18 wurde,
vor ein paar große Probleme gestellt, die hoffentlich in Zukunft in Betracht
gezogen werden, egal wie die Volksbefragung ausgeht. Zum ersten ist die Platz-
und Geldknappheit beim Zivildienst zu nennen: Es war ein langmächtiges Zittern
meinerseits, bis ich endlich die Zusage auf eine Stelle, die ich auch früh
genug antreten konnte, bekommen hatte. Rechnen wir mal nach. Ich beendete meine
Schulkarriere mit der Matura, deren mündliche Prüfungen Anfang Juni angesetzt
waren. Das war einer der früheren Termine, bis Ende Juni können aber alle
Maturanten in die Ferien gehen. Nun hieß es damals vorübergehend, es würden keine
Zivildiener für dieses Jahr mehr genommen, ich hätte also bis Jänner warten
müssen. Ferien sind schon eine schöne Sache, aber doch wirklich nicht für ein
halbes Jahr! Außerdem hatte ich (zugegeben, damit bin ich kein Normalfall, ich
finde aber nicht, dass man mir deswegen Steine in den Weg legen hätte brauchen)
Eile, da das Studienjahr in Finnland nicht erst im Oktober, sondern schon im
September beginnt. Wer bis neun zählen kann, wird merken, dass ich den Beginn
des Schuljahres um ein Monat verpasst hätte. So hätten also nach meinem
Zivildienst erneute Ferien gefolgt, und zwar diesmal für elf Monate. Notwendig?
Ich meine nicht!
Dieser
fatale Beschluss wurde dann glücklicherweise wieder zurückgenommen, und, obwohl
die sich Zivildienstserviceagentur ja nicht gerade für freundliche Betreuung
und Arbeitsgeschwindigkeit berühmt gemacht hat, schafften sie es dennoch, mich
für Oktober zuzuteilen.
Die
Zivildienstserviceagentur ist übrigens ein weiteres Hindernis, das das
bisherige System erfolgreich bremst. Ich war ja selbst nicht faul und hatte im
Laufe des Sommers Vorstellungsgespräche bei mehreren Organisationen, wovon mich
einige auch gerne als Zivildiener genommen hätten. Das letzte Wort hat
allerdings die Zivildienstserviceagentur, die alle Anforderungen seitens der
Organisationen ignorierte und mich dem Rettungsdienst zuteilte, was ich selbst
am wenigsten wollte. Sinnvoll? Ich meine nicht!
Ein
großes Problem steht für mich in der Gleichberechtigung. Die heutige
Gesellschaft heuchelt Gleichberechtigung, mit welcher Begründung aber wird von
„Erhöhen des Anteils an Frauen in Führungspositionen“ gesprochen, während
niemanden kümmert, dass Frauen unbehelligt gleich nach der Schulausbildung zu
studieren oder arbeiten beginnen dürfen? Oder, um es in den Worten meiner
Schwester auszudrücken, warum muss sie sich für ein freiwilliges soziales Jahr
extra bewerben, während Männer das automatisch machen dürfen? In solchen Fällen
(das ist aber nicht der einzige) bleiben mir nur zwei mögliche
Schlussfolgerungen: Entweder wollen Frauen in Wirklichkeit gar keine
Gleichberechtigung, oder aber Gleichberechtigung gibt es tatsächlich nur für
Frauen. Darüber wurde aber bezüglich Wehrpflicht schon diskutiert, da scheint
es schon Bemühungen für Fairness zu geben.
Warum
dann also nicht Wehrpflicht abschaffen? Österreich würde damit einmal einem
modernen internationalen Trend folgen, solange er noch frisch ist (Rauchverbot
in Lokalen war in Europa ja schon ein alter Hut, als Österreich mit Ach und
Krach nachgekrochen kam). Österreich braucht sein Militär heute auch nicht mehr
als beispielsweise Schweden: Die Grenzen müssen dank Schengen nicht mehr
überwacht werden, dank Europäischer Union sind wir ohnehin von Freunden
umringt, als neutraler Staat braucht (darf!!) Österreich auch selbst keine
militärischen Streitereien anfangen, und selbst falls uns wer angreifen sollte,
haben wir Anspruch auf Hilfe aus Deutschland, Frankreich, England,… Dafür würde
ein Berufsheer doch reichen!
Bei
der Abschaffung der Wehrpflicht fallen mir aber ebenfalls ein paar Probleme
sofort ins Auge. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Krankentransporte beinahe
ausschließlich von Zivildienern erledigt werden. Freiwillige haben in der Regel
einen eigenen Job, der sie tagsüber, wenn die meisten Transporte zu erledigen
sind, beschäftigt, und Hauptberufliche gibt es viel zu wenige. Ein Ausfall des
Zivildienstes würde ein kaum zu stopfendes Loch in die Effektivität des
Rettungsdienstes reißen. Ich kann nur raten, dass es womöglich in anderen
sozialen Bereichen ähnlich aussieht, das weiß ich allerdings nicht. Ob das
erneuerte freiwillige soziale Jahr wirklich reichen wird, alle Stellen zu
versorgen? Dazu müsste man es schon sehr verlockend gestalten und kräftig dafür
werben. Der erhöhte Lohn scheint vielleicht für viele interessanter als der des
Zivildienstes, aber woher soll das Geld dann wieder kommen? Die Frage nach dem
Geld ist wohl fast unmöglich zu beantworten (daraus zu schließen, wie kolossal
verschiedenste Zeitungen regelmäßig darin scheitern – Leserzahlen scheinen die
Versuche wenigstens zu bringen, und man gibt Pensionisten eine Beschäftigung).
Möglich, dass Einsparungen beim Militär durch Wegfall der Wehrpflicht eine
solche Finanzierung erlauben, zu mehr Spekulationen lasse ich mich jetzt aber
nicht hinreißen – ich liege ja nicht auf U-Bahnbänken rum.
Darüber
hinaus kann man kaum bestreiten, dass das Militär bisher bei Naturkatastrophen
jeder Art Massen an Hilfskräften, die nicht fragen, nicht denken, sondern nur
tun wie man ihnen befiehlt und sich für nichts zu schade sind, zur Verfügung stellen
konnte, wie das sonst kaum möglich wäre. Alternativ kann man dann Leute wohl
nur noch warnen, sich nicht auf Hochwassergebieten anzusiedeln.
Die
verschiedenen Seiten wollen jedenfalls gut überlegt sein, bevor man am Sonntag
seine Stimme abgibt. Ich selbst muss schmählich zugeben, neben Weihnachten,
Silvester, Besuche bei allen (ist mir eh nicht gelungen) Freunden und
Verwandten fürs nächste halbe Jahr, Vorbereitungen für mein Auslandssemester in
China, Visumsangelegenheiten… die Frist auf eine Briefwahl verschwitzt zu
haben.
Am
Ende bleibt nur die Hoffnung, dass sich unsere Regierung diesmal zu Herzen
nimmt, was das Volk wünscht: Wir erinnern uns, eine Volksbefragung ist nicht
verbindlich.
Lieber Stefan!
VastaaPoistaDeine Argumente sind alle sehr sehr schlüssig und ich würde fast alles sofort unterschreiben, aber ein kleiner Punkt stört mich etwas:
WehrPFLICHT für Frauen oder eben die Pflicht einen Zivildienst absolvieren zu müssen, halte ich für keine gute Idee. Natürlich bin ich für Gleichberechtigung, aber nicht immer und überall, weil wir von Natur aus nicht gleich sind! Andere Frauen in meinem Alter sehen das vielleicht anders, aber da ich, wie du weißt, schon Mutter bin, weiß ich, dass man einige Jahre in der Ausbildung und im Beruf "verliert", wenn man Kinder hat.
Ein Mann bleibt in den seltensten Fällen länger zu Hause beim Kind und deshalb finde ich, dass Frauen schon allein durch ihr Muttersein einen Beitrag für dieses Land leisten, der meistens den "Verlust" einiger Berufsjahre mit sich bringt. Deshalb ist es meiner Meinung nach nicht notwendig, Frauen zu verpflichten ein Jahr dem Land zu dienen.
Allem anderen stimme ich, wie gesagt, gerne zu und dieser Aspekt ist ja nicht so wichtig in der Debatte, aber ich wollte das einmal gesagt haben!
Danke für deinen Text!
Steffi
Der Vergleich ist insofern problematisch, als dass Frauen ja in der Regel selbst entscheiden dürfen, ob und wann sie Kinder bekommen wollen. Die Wehrpflicht wird jedem Burschen mit 18 bis spätestens dem Beenden der momentanen Ausbildung auferlegt. Ich selbst zumindest (und ich nehme stark an, damit nicht allein zu sein) hatte zu der Zeit anderes im Kopf, andere Pläne und Interessen, als zum Militär oder Zivildienst zu gehen. Eine Lehrerin hat auf der unserer Maturafeier erwähnt, dass irgendwo (hab vergessen in welchem Land) z.B. frische Ärzte zuerst einmal einige Monate im Dienste des Staates praktizieren müssten. Ich wäre viel eher dazu bereit gewesen, nach meinem Studium im Staatsdienst schon berufsspezifische Erfahrungen zu sammeln, als mit einem stinkfaden Scheißjob noch ein Jahr von meinem Studium abgehalten zu werden. Und dann gibt es ja auch Frauen, die in diesem Punkt gerne gleichberechtigt wären.
PoistaJa, das mit dem Zeitpunkt, wann man den Zivildienst/Bundesheer machen möchte, stimmt schon, aber der Großteil der Frauen bekommt irgendwann Kinder.. genauso wie der Großteil der Männer, nur dass ein Mann deshalb im Beruf nicht zurückstecken muss. Eine Frau "verliert" immer Berufsjahre, egal wann sie die Kinder bekommt: auch mit 30-40 arbeitet man ja noch.
VastaaPoistaDie Idee mit den berufsspezifischen Erfahrungen im Staatsdienst finde ich echt gut, weil man dann mehr Sinn in dem ganzen sieht und auch der Staat mehr von ausgebildeten Leuten profitiert!
Die Frauen, die in dem Punkt gerne gleichberechtigt wären, dürfen sich ja eh freiwillig melden, oder nicht? Aber da kenn ich mich nicht wirklich aus!
Ich bin aber eben der Meinung, dass Frauen, die Kinder großziehen, schon genügend Jahre Gutes für den Staat leisten, auch wenn sie sich natürlich nicht aus diesem Grund für Kinder entscheiden. Ohne Kinder gäbe es aber auch keine Zukunft und deshalb sollte es nicht noch verpflichtenden Zivildienst/Bundesheer für Frauen geben.
Meine Schwester hat es zumindest als zacher empfunden, sich extra für ein freiwilliges soziales Jahr bewerben zu müssen, als automatisch einberufen zu werden. Ausserdem darf sie nicht beim Rettungsdienst arbeiten, was ihr Spass machen würde, sondern die Auswahl an Bereichen ist viel eingeschränkter.
PoistaIch bin der Meinung, Leute sollten nur Kinder kriegen, wenn sie das wirklich wollen und Kinder eine positive Bereicherung in ihrem Leben darstellen. Wehrpflicht hingegen ist für viele ein leider unumgängliches Gräuel.
Wo mein lieber Bruder Recht hat, hat er Recht! Ich finde es ist eine Ehre Kinder kriegen zu können und die Männer sind echt arm das sie das nie so erleben dürfen wie wir Frauen!
Poista